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• profil online • Kampfsport Essen: Warum der Kult um gesunde Ernährung uns krank macht

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Österreich verfettet rapide, Essstörungen und Lebensmittelunverträglichkeiten breiten sich immer stärker aus. Gleichzeitig floriert der Kult um gesunde Ernährung – für manche wird sie sogar zum Zwang. Warum Diäten und vermeintliche Wellness-Produkte so viele Menschen krank machen und was Experten raten.
Von Tina Goebel, Angelika Hager und Sebastian Hofer

Das Joghurteis vertrage ich leider nicht, davon bekomme ich so furchtbare Blähungen – ich bin jetzt auf Sojaeis mit Fenchelsamen umgestiegen“, erklärt eine rauchige Teenagerstimme. Dieser Radiospot promotet jedoch nicht die neueste Ernährungsfibel der ATV-Kaloriendomina Sasha Walleczek, sondern dient dem Alternativsender FM4 als Eigenwerbung, quasi um den Prototypen des jungen Hörers zu erfassen: einen „Bobo“, so das soziologische Kürzel für den „Bohemien Bourgeois“, mit Lactose-Unverträglichkeit. Dieses ­Defizit ist, wie die Fructose-Intoleranz, in Österreich mittlerweile weit verbreitet. ­Geschätzte 1,6 Millionen Österreicher ­leiden an Verdauungsproblemen, bei wie ­vielen davon eine Nahrungsmittelunver­träglichkeit schuld ist, kann schwer gesagt werden.
Mit dem für Beziehungsvirulenzen oft gebrauchten Facebook-Status „It’s complicated“ könnte man auch ganz allgemein unser Essverhalten und Ernährungsbewusstsein untertiteln. Trotz des wachsenden Ernährungs- und Gesundheitsbewusstseins sind laut Gesundheitsministerium 860.000 Österreicher (gezählt ab dem 15. Lebensjahr) nicht nur als übergewichtig, sondern sogar als fettleibig einzustufen. Erhöhte ­Gefahrenstufe herrscht auch in der heranwachsenden Generation: Eine Studie des Grünen Kreuzes aus dem Jahr 2006 belegt, dass 19 Prozent der Mädchen und Buben zu dick sind, Tendenz steigend.

Ein Paradoxon: Noch nie wusste man so viel über versteckte Kalorien, die richtigen Mahlzeitenrhythmen und gefährliche Lebensmittel – Essratgeber dominieren weit vor Beziehungs- und Erziehungsfibeln die Regale in den Buchhandlungen. Wöchentlich werden in Magazinen und TV-Sendungen Hymnen über die Präventionskraft der Omega-3-Fettsäuren gesungen, tierische Fette und freie Radikale dämonisiert oder die Ernährungsumstellung auf „low carb“, so der saloppe Terminus für die Reduktion von Kohlenhydraten, gepredigt. Den Smalltalk auf Cocktail- und Dinnerpartys dominieren in der gehobenen 40-plus-Mittelschicht erfolgreiche Darmreinigungsprozesse, „Metabolic Balance“-Erfahrungen (siehe Interview Seite 93) und die letzte F.-X.-Mayr-Kur im 5-Sterne-Wellness-Tempel.

Fettdepots. Und dennoch steht es, der amtlichen Einschätzung zufolge, viel zu gut um die Fettdepots der Gesamtbevölkerung. Das Gesundheitsministerium geht in seinem jüngsten Ernährungsbericht davon aus, dass 40 Prozent der erwachsenen Bevölkerung übergewichtig oder fettleibig sind. Ingrid Kiefer von der Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES) prognostiziert bezugnehmend auf die WHO, dass der durchschnittliche Body-Mass-Index der ­österreichischen Bevölkerung spätestens im Jahr 2020 im adipösen, also fettleibigen Bereich liegen wird, sollte es zu keinen Lebensstiländerungen kommen.

Dabei würde es an Problembewusstsein nicht mangeln. Laut einer Österreich-Studie des internationalen Marktforschungs­instituts YouGovPsychonomics spielt für 95 Prozent der Bevölkerung das Thema Ernährung in ihrem Alltag eine wichtige Rolle. 57 Prozent informieren sich dabei auch gezielt über gesunde Ernährung. Manchmal scheint es jedoch beim guten Willen zu bleiben: Nur 46 Prozent geben an, bewusst auf fette Speisen zu verzichten, nur 25 Prozent vermeiden Fast Food.

Der Herd-Trieb steigt – dank des täglichen ORF-Koch-Balletts „Frisch gekocht“ mit den unfreiwilligen Komikern Alex und Andi und dem Kochbuch-Boom, den Jamie Oliver und Sarah Wiener losgetreten haben. Ermunterungsparolen à la „Hey, Leute, heute machen wir den besten Tomatensalat der Welt!“, wie sie Oliver in seinen TV-Shows ausstieß, nahmen vielen die Schwellenangst: 73 Prozent der befragten Österreicher gaben an, so oft wie möglich ihre Mahlzeiten frisch zuzubereiten. Der Popstar unter den Köchen nahm den Menschen die Angst, dass die Zubereitung von gutem Essen zwingend aufwändig und kostenintensiv sein müsse.

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