Interview mit TU-Rektor Skalicky: „Wünsche mir Studiengebühren von 10.000 Euro jährlich“
Der Rektor der TU Wien erklärt im Interview mit INDUSTRIEMAGAZIN, warum er 10.000 Euro Studiengebühren für sinnvoll, die nationale Forschungsstrategie 2020 jedoch für überflüssig hält. Und er kritisiert die Industrie: Diese „wäre gut beraten, ihr Innovationsniveau zu heben.“
----
Österreich ist gerade dabei, seine forschungspolitische Strategie bis 2020 zu formulieren. Vom Rat für Forschung und Technologieentwicklung gibt es Empfehlungen, die auch die Universitäten betreffen. Wie gefällt Ihnen, was Sie bisher lesen konnten?
Peter Skalicky: Ich halte es für überflüssig. Die universitäre Forschung, das ist in erster Linie Grundlagenforschung, findet doch nicht im luftleeren Raum statt. Wir müssen uns an der internationalen Konkurrenz ausrichten. Ich glaube daher nicht, dass eine Kommission der österreichischen Bundesregierung besser weiß als wir selbst, wo die Herausforderungen der Zukunft liegen.
Der Rat für Forschung und Technologieentwicklung fordert von den Universitäten eine stärkere Profilbildung, mehr Eigenfinanzierung und ambitionierte Leistungsvereinbarungen. Das sind doch nicht alles überflüssige Vorschläge?
Dass man ambitionierte Leistungsvereinbarungen abschließt, damit bin ich durchaus einverstanden. Man sollte allerdings die Themen herausnehmen, die kein Wesensmerkmal der Universitäten sind. Diese Überfrachtung ist kontraproduktiv im Hinblick auf die geforderte Profilbildung. Was allerdings die Eigenfinanzierung betrifft, muss man sich schon fragen, woher die noch kommen soll. Unser Drittmittelaufkommen liegt aktuell bei über 50 Millionen Euro, also bei rund einem Fünftel unseres Gesamtbudgets. Das ist nicht unendlich steigerbar.
Mit Studiengebühren könnte man die finanzielle Ausstattung der Universitäten deutlich verbessern. War es falsch, Sie abzuschaffen?
Das ganze Theater um die Studiengebühren ist lächerlich. Zuerst werden sie eingeführt, dann ein paar Tage vor der Wahl wieder abgeschafft – allerdings ohne sich zu überlegen, welche Folgen das haben wird. Jetzt muss man sich Gedanken darüber machen, wie man mit dem Ansturm an Deutschen fertig wird. Meiner Meinung nach gibt es hier nur eine Möglichkeit: Es muss eine kapazitätsabhängige Beschränkung für besonders überlaufene Studiengänge eingeführt werden. Ich glaube allerdings, dass das ein utopischer Wunsch ist. Ich habe mich schon damals gewundert, dass es politisch möglich war, Studiengebühren einzuführen.
Sie befürworten also Studiengebühren?
Ja, ich bin für hohe Studiengebühren von mindestens 10.000 Euro pro Jahr, ergänzt um ein umfassendes Stipendiensystem.
Die Bundesregierung hat kürzlich den Finanzrahmen für 2011 bis 2014 beschlossen. Dieser sieht auch Einsparungen bei Bildung und Forschung vor. Wie wird sich das auf die finanzielle Ausstattung der TU auswirken?
Für die technischen Fachrichtungen wirkt sich jede Kürzung in erster Linie negativ auf die wissenschaftliche Infrastruktur aus. Das ist unser eigentliches Problem. Wir bilden uns ein, in einer Liga spielen zu können mit der TU Aachen und der TU München und dem Imperial College in London. Tatsächlich verfügen die aber das vierfache Budget.
Hatten Sie schon Gelegenheit, Ihrem Ärger bei Frau Bundesministerin Beatrix Karl Luft zu machen?
Ja, wir haben uns getroffen. Und ich muss sagen, dass sie sehr schlau vorgeht, indem sie den Bologna-Prozess, also der Harmonisierung der europäischen Studienschulstruktur, in den Vordergrund stellt. Dadurch lenkt sie von der Unterfinanzierung der Hochschulen ab. Das ist schlau, aber durchschaubar.
Aber liegt die Geldnot nicht auch daran, dass sich ein kleines Land wie Österreich 21 Hochschulen leistet?
Fakt ist, dass die technischen und naturwissenschaftlichen Hochschulen unterfinanziert sind. Wir haben also entweder zu viele Hochschulen oder zu wenig Geld. Und eines von beiden wird man ändern müssen.
Also plädieren Sie für eine Straffung der österreichischen Hochschullandschaft?
Ja, das kann man forcieren. Allerdings macht es nur dann Sinn, wenn man sich Gedanken über den wirklichen Bedarf an Absolventen macht. Es ist ja nicht so, dass es einen unglaublichen Engpass gibt. Was wir brauchen, sind Techniker.
Als Reaktion auf die Unterfinanzierung haben Sie begonnen, die Forschungsaktivitäten der TU zu überprüfen. Was ist Ihr Eindruck?
Mein Eindruck ist, dass wir zu stark ausdifferenziert sind. Eine Breite anzubieten wie beispielsweise die TU München oder die ETH Zürich können wir uns einfach nicht leisten. Um im internationalen Wettbewerb zu bestehen, müssen wir unser Profil schärfen. Dafür haben wir im Rahmen des „Entwicklungsplans 2010+“ fünf neue strategische Forschungsschwerpunkte festgelegt. Bei der Auswahl war entscheidend, ihnen möglichst viele der bereits laufenden Aktivitäten der TU zuordnen zu können. Derzeit sind die Schwerpunkte noch sehr weit gefasst. Unser Ziel ist es aber, uns weiter zu fokussieren.
Profilbildung ist doch eigentlich nur eine Umschreibung dafür, dass man sich aus bestimmten Bereichen verabschieden muss. Welche werden das bei der TU sein?
Die Schwerpunkte werden sehr wesentlich von der Besetzung der Professorenstellen abhängen. Wir fahren ein Programm, indem wir bei zwei wegfallenden Professuren – etwa aus Altersgründen oder bei auslaufenden Verträgen - nur eine Professur wiederbesetzen. Und diese Professur muss dann zu einem der Schwerpunkte passen. Sukzessive ist es uns auch gelungen, die Anzahl der Institute zu reduzieren. Derzeit haben wir noch 56, vor einigen Jahren waren es noch über 100.
Neben den Schwerpunkten wollen Sie auch Forschungsaktivitäten fördern, die außerhalb der Hauptthemen angesiedelt sind. Führt das nicht zu einer Verwässerung des Profils?
Nein, es geht dabei vielmehr darum, auch für neue Themen offen zu sein. Wir sind ja keine Dogmatiker. Gelingt es uns beispielsweise jemanden zu rekrutieren, der auf einem Zukunftsgebiet wie der Lasertechnologie sehr gut ist, werden wir sicherlich nicht nein sagen. Aber nach unseren derzeitigen Finanzierungsmöglichkeiten können wir nur dann neue Felder erschließen, wenn wir uns von alten trennen.
Anfang 2010 haben Sie mit der TU Graz und der Montan Universität Leoben den Verein TU Austria gegründet. Was war das Motiv?
Wir wollen uns künftig in allen Fragen wie Studiengebühren, Kapazitätsfestlegungen und Forschungsprofil abstimmen und gemeinsam in die Öffentlichkeit treten. Wenn man es brutal ausdrückt: was die Juristen in Linz machen, ist mir wurscht. Wir müssen uns abstimmen in der Physik, der Elektrotechnik, dem Maschinenbau. Ein Beispiel: Die Grazer sind beispielsweise sehr gut in der Hochspannungstechnik, also überall dort, wo viel Strom fließt. Wir haben das völlig eingestellt und konzentrieren uns auf den Schwachstrom, also Nachrichtentechnik, Mikroelektronik, etc.
Ist der Verein offen für andere technische Universitäten?
Nein, schließlich geht es uns nicht darum, die Universitätskonferenz neu zu gründen. Wir haben uns mit Graz und Leoben zusammengeschlossen, weil es hier die größten Überschneidungen gibt.
Um mehr Mittel zu lukrieren, müssen Sie zunehmend als Dienstleister auftreten. Was können Sie der Industrie bieten?
Wir bieten Forschungsleistung überwiegend im Bereich der Grundlagenforschung an, schließen aber nicht aus, dass wir auch angewandte Forschung machen. Aber bei solchen Projekten achten wir sehr stark darauf, dass auch wissenschaftliches Fleisch am Knochen ist. Die Durchsichtigkeit von Weinflaschen werden wir sicherlich nicht prüfen.
Und sind Sie mit der aktuellen Auftragslage zufrieden?
Die Nachfrage der Industrie nach unserem Forschungsangebot ist aus meiner Sicht zu gering. Ich glaube, dass die österreichische Industrie gut beraten wäre, das Innovationsniveau zu heben. Allerdings gilt es zu berücksichtigen, dass Österreich eine KMU-Struktur hat und die kleinen und mittleren Unternehmen sind grundsätzlich nicht so forschungsfreudig wie die Konzerne. Wir bieten unsere Forschungsleistungen aktiv an. Allerdings geht es uns nicht darum, der voestalpine oder der Siemens irgendetwas einzureden, um Geld zu akquirieren. Die Unternehmen müssen schon den Eindruck haben, dass sie unsere Unterstützung wirklich benötigen.
Sie selbst haben Physik studiert, sind aber heute in einer Position tätig, die vor allem Managementfähigkeiten erfordert. Muss ein Studium auch dazu befähigen?
Ich glaube, es handelt sich hier um eine Holschuld. Man kann nicht von den Universitäten verlangen, dass sie zusätzlich zu einer erstklassigen fachlichen Ausbildung sämtliche Softskills in die Studienpläne schreiben, also Differenzialgleichung durch Präsentationstechnik ersetzen.
Und verraten Sie uns, wie Sie sich vorbereitet haben?
Gar nicht, ich bin ein Naturtalent (lacht). Und außerdem war mein Vater Direktor der Siemens AG.
Top 7 Tage
- 22 Komplettlösung für das iPhone-Spiel Bridge Constructor
- 20 ÖVP-Politikerin fordert Homo-Ehe und Adoptionsrecht für Lesben und Schwule
- 18 “Sex and the City”-Star Cynthia Nixon heiratet ihre Mrs. Right!
- 17 Julian Assange interviewt den ecuadorianischen Präsidenten Rafael Correa
- 17 Festnahmen in Frankreich: Polizei fasst zwei hochrangige Eta-Mitglieder
- 16 Punktsieg für Hollande - taz
- 16 FP-Graf: So lief dubiose Stiftung
Best upcoming scoops - Wissenschaft
- 1Vorarlberger Bloghaus: Einstein Archives Online
- 1Vorarlberger Bloghaus: Biodiversität Online: 40.000 Tier- und Pflanzenarten aus Österreich
- 1Vorarlberger Bloghaus: Open Content Courseware: Universität Berkeley - Vorlesungen auf Youtube
- 1Vorarlberger Bloghaus: [facts figures austria] Science, technology and innovation in Europe - 2012 edition
- 1Vorarlberger Bloghaus: ABC der Mediation
- 1Vorarlberger Bloghaus: [Faires Europa.] Wealth, Inequalities and Social Polarization in the EU
- 1Vorarlberger Bloghaus: [FREIHANDbuch] Schnecken - Bestimmungsschlüssel














