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Islam und Demokratie – Ein Widerspruch?

Die Frage, ob Islam und Demokratie kompatibel sind, ist in den westlichen Diskursen über die islamische Welt eine der am häufigsten gestellten Fragen. Dahinter verbirgt sich oft eine vorgefasste Meinung, dass der Islam das Haupthindernis für die Demokratisierung islamischer Gesellschaften sei und im Umkehrschluss das Christentum per se eine Demokratie kompatibele Religion darstelle. Für die Auffassung, die Demokratie sei eine westlich-christliche Erfindung, lässt sich tatsächlich ein empirisch fundiertes Argument anführen, das auf den ersten Blick schwer zu widerlegen ist: Alle westlichen Demokratien haben nämlich einen christlichen Hintergrund, dagegen hat die islamische Welt bisher keinen einzigen demokratischen Staat hervorgebracht.

Clash of Civilizations

Bei dieser scheinbar bestechenden Kausalität wird jedoch nicht nur übersehen, dass Demokratie eine Errungenschaft der hellenistischen Kultur im vorchristlichen Zeitalter war. Mehr noch: Die Demokratiefähigkeit okzidentaler bzw. orientalischer Gesellschaften wird allein und selektiv auf ethische Quellen und Normen zurückgeführt, während alle anderen, für die Demokratieentwicklung mindestens genauso relevanten gesellschaftlichen Faktoren und historischen Besonderheiten der Staatsbildung in Okzident und Orient ausgeblendet werden. Dieser selektive Blick und die Annahme, dass der Islam die Demokratisierung islamischer Gesellschaften blockiere, untermauert Samuel Huntingtons These vom unausweichlichen Clash of Civilizations[1] und die Aufforderung an den Westen, auf die sich anbahnende islamische Herausforderung zu reagieren.

Der Kampf der Kulturen zwischen der christlich-westlichen Welt und der islamischen Welt ist nun voll im Gang. Vielleicht haben wir den Gipfel dieses Kampfes bereits hinter uns, vielleicht aber auch noch vor uns. Er begann mit der islamischen Revolution im Iran vor 30 Jahren bis dann Huntington 15 Jahre später mit seiner Streitschrift zu einer Gegenrevolution aufgerufen hat. Während seitdem fundamentalistisch islamische Strömungen die Moslems zum Kampf gegen westliche Dekadenz animieren, malt ein einflussreicher Teil der westlichen Elite die Demokratiefeindlichkeit des Islams an die Wand. In diesem Kontext erlebte die Menschheit gerade im zu Ende gehenden ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts schreckliche Ereignisse. Der 11. September, der Nato-Krieg in Afghanistan, der Krieg der Vereinigten Staaten im Irak, der Streit um das iranische Atomprogramm, die Ermordung des Holländers Theo Van Gogh, der Karikaturenstreit, diverse Kampagnen gegen die moslemische Bevölkerung in den europäischen Staaten mit Verweis auf Ehrenmorde und Genitalverstümmelung, Kopftuch- und Burkaverbot sowie anlässlich des Baus von neuen Moscheen und nicht zuletzt auch die Volksabstimmung für das Verbot von Minaretten in der Schweiz vor wenigen Tagen - all das sind Ereignisse, die in der einen oder der anderen Form im Kontext des Kampfs der Kulturen zu verorten sind. Auch die tief verwurzelte Islamophobie im Westen zehrt oft von der Prämisse der Anpassungs- und Integrationsunfähigkeit der in den westlichen Demokratien eingewanderten Moslems, zumal es – betrachtet man die Debatten darüber in den Talkshows – nicht sonderlich schwer fällt, die unterstellten Prämissen mit beliebig vielen Fakten zu belegen, die selektiv aneinandergereiht werden.[2] Insofern ist eine eingehende Beschäftigung mit einer wichtigen Prämisse dieses Kulturkampfes, nämlich der Demokratieabträglichkeit des Islams, keine akademische, sondern eine hoch aktuelle politische Frage. Sie bedarf einer wissenschaftlichen Erörterung, selbst wenn klar ist, dass der Ausgang des Diskurses keinen signifikanten Einfluss auf den gegenwärtigen Kulturkampf haben dürfte.

Ethik, Kapitalismus, Demokratie

Der gegenwärtig geführte Diskurs über das Verhältnis von Islam und Demokratie steht sehr stark unter dem Einfluss eines sich zuspitzenden Konflikts zwischen den westlich kapitalistischen Staaten und einigen islamischen Staaten, dessen primäre Ursachen eher ökonomisch-geopolitischer und machtpolitischer Natur sind. Er schließt sich jedoch einem älteren Diskurs über das Verhältnis zwischen Islam und Kapitalismus an, der im Kontext von entwicklungspolitischen Debatten in den 1960er und 70er Jahren stattfand. Auch hinter jenem Diskurs verbarg sich die grundsätzliche Frage, inwiefern ethisch-religiöse Normen für die Modernisierung der einen und die Stagnation der anderen Seite verantwortlich zu machen sind. Auch in diesem Diskurs war die Verführung zu Vereinfachung und oberflächlicher Betrachtung zugegebenermaßen sehr groß. Tatsächlich entwickelt sich der Kapitalismus im christlichen Umfeld. Wahr ist auch, dass in keiner islamischen Gesellschaft eine umfassende Modernisierung stattgefunden hat. Seit Webers Protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus[3] gehört es zu den Selbstverständlichkeiten soziawissenschaftlicher Abhandlungen, eine spezifisch christliche Ethik zur entscheidenden Grundlage der Aufklärung, der Ratio und der industriellen Revolution hochzustilisieren[4] und gleichzeitig im Umkehrschluss beispielsweise dem Buddhismus und dem Islam eine derartige Fähigkeit abzusprechen. Bezüglich des Islams trat der französische Orientalist Maxime Rodinson dieser weit verbreiteten These vor beinahe 40 Jahren mit seinem Werk Islam und Kapitalismus entgegen[5], die Faszination der Weberschen These scheint jedoch nach wie vor ungebrochen zu sein.

Trotz gegensätzlicher Schlussfolgerungen haben ethisch begründete Deutungsmuster von gesellschaftlichen Prozessen viele Gemeinsamkeiten. So leitet auch der islamische Fundamentalismus seine Legitimation implizit daraus ab, dass er die islamische Ethik als die einzig mögliche Quelle der islamischen Zivilisation der vergangenen Zeiten interpretiert und daraus folgernd die Überwindung des gegenwärtigen Rückstandes islamischer Gesellschaften einzig in der Rückbesinnung auf den Urislam zu erlangen sucht, nachdem die urislamischen Prinzipien und Normen vermeintlich unter dem christlich okzidentalen Einfluss der letzten Jahrhunderte verfälscht und diskreditiert worden seien.

Die Beliebigkeit der ethisch begründeten Erklärungsansätze ist offenkundig. Die einen führen ihre vergangene Zivilisation auf den Islam zurück, während die anderen ihre gegenwärtige Zivilisation mit der christlichen Ethik in Verbindung bringen. Dabei werden Zeit, Raum und historische Umstände der alten östlichen wie der neuen westlichen Zivilisation aus der Betrachtung ausgeblendet.[6] Für Weber war es „die innerweltliche Askese des Protestantismus, welche gerade den frömmsten und ethisch rigorosesten Elementen den Weg in das Geschäftsleben öffnete" und die „eine kapitalistische Ethik" schuf. ... „Das Zinsverbot selbst wurde vom Protestantismus, speziell vom asketischen Protestantismus, auf alle Fälle konkreter Lieblosigkeit beschränkt."[7] Dass die Ethik und noch umfassender die Kultur im historischen Prozess der Modernisierung eine wichtige Rolle spielten, steht außer Frage. Irreführend ist allerdings die selektive Reduktion hoch komplexer Vorgänge auf die Ethik bzw. kulturell begründete Koordinations- und Bewertungsmaßstäbe.

Das Bürgertum als Träger der Aufklärung und Demokratie

Bei einer umfassenderen Analyse des sozialen Gefüges vormoderner Gesellschaften im christlich okzidentalen Mittelalter und im islamischen Orient rücken jedoch andere durchaus Erkenntnis fördernde Erklärungsmuster ins Blickfeld: Die vormodernen europäischen Gesellschaften waren überwiegend dezentral mit schwachen zentralistischen Staaten ausgestattet, während die orientalischen Gesellschaften unabhängig von der herrschenden Religion, ob Buddhismus oder Taoismus in Indien und China oder Islam im Mittleren Osten, ob im vorislamischen bzw. islamischen Zeitalter, überwiegend zentralistisch despotische Staaten mit schwachen dezentralen Strukturen aufwiesen.

Die dezentrale Herrschaft mit zahlreichen kleinen und untereinander konkurrierenden feudalen Gemeinden in Europa begünstigte die Entstehung von autonom agierenden bürgerlichen Schichten an der Peripherie dieser Gemeinwesen. Sie trieben über mehrere Jahrhunderte hinweg evolutionär und nachhaltig die gesellschaftliche Arbeitsteilung sowie die soziale Transformation voran. Hier führte der zunehmende Austausch von Waren und Dienstleistungen zwischen Stadt und Land zur Entfaltung des inneren Marktes und zur Entstehung einer aufsteigenden und neuartigen sozialen Schicht, deren Stärke nicht nur darin bestand, die Lohnarbeit zu erfinden und Kapital zu akkumulieren, sondern sich als wirkungsmächtiger sozialer Träger der Aufklärung zu etablieren. Gemeint ist das Bürgertum, das sich die geistigen Errungenschaften der europäischen Aufklärung zueigen machte, um den Weg für die kapitalistische Entwicklung und Industrialisierung freizulegen.

Dagegen waren die orientalischen Zentralstaaten in der mächtigen Position, das gesamte Bürgertum (Händler, Manufakturbesitzer, Intellektuelle) dem eigenen Herrschaftsinteresse zu unterwerfen, ihm die Ketten der Despotie anzulegen und es seiner Selbstständigkeit zu berauben.[8] Hier konnte sich weder der innere Markt entfalten noch daher auch ein weit in der Gesellschaft verwurzeltes und verzweigtes Bürgertum entstehen, um sich als sozialer Träger der Moderne die Errungenschaften der „Islamischen Aufklärung" für die kapitalistische Entwicklung und Industrialisierung zueigen zu machen.

Haben orientalische Gesellschaften auf Grund außergewöhnlicher Umstände in der vorislamischen und in der islamischen Zeit Epochen der wissenschaftlichen, künstlerischen und ökonomischen Hochblüte erfahren, wie wir sie vom vorislamisch antiken Iran im Achämeniden- und Sassaniden-Reich sowie dem islamischen Abbassiden-Reich (750 – 1258) kennen, so war die tragende Säule dieser Entwicklung in der Regel der Staat, genauer die herrschende Dynastie und nicht das der Staatsgewalt unterworfene Bürgertum. Sind diese Dynastien aus welchen Gründen auch immer untergegangen, gingen mit ihnen oft auch die Voraussetzungen der Fortexistenz wissenschaftlich geistiger Potentiale verloren.

Islamische und christliche Aufklärung

Die Geschichte der westlichen Aufklärung, die letztlich der Trennung von Staat und Religion somit auch der Demokratisierung den Weg ebnete, ist selbst der beste Beleg für die These, dass nicht der Islam die Demokratisierung verhinderte und auch nicht das Christentum die Demokratisierung beförderte, sondern dass letztlich das Fehlen eines selbständigen Bürgertums in den orientalischen Gesellschaften und die Entstehung desselben in okzidentalen Gesellschaften für die ökonomische und politische Stagnation dort und die Modernisierung der Gesellschaft hier verantwortlich waren. Betrachten wir die Aufklärung als Erkenntnisprozess, in dem die Autonomie menschlicher Vernunft an die Stelle theologischer Glaubenssätze tritt, so dass die metaphysischen Barrieren der auf dem Experimentieren und der Logik beruhenden wissenschaftlichen Entwicklung beseitigt werden, dann war sie, die Aufklärung, in der islamischen Welt in vollem Gange als die christliche Welt ihren Blick ausschließlich auf das Jenseits, auf das Seelenheil und auf die Gotteserkenntnis richtete. Während Denker und Forscher der islamischen Welt bereits im 10. Jahrhundert die Grundlagen naturwissenschaftlicher Betrachtung der Welt schufen, war es noch zu Beginn des 13. Jahrhunderts für die christlichen Mönche eine Sünde und verboten, naturwissenschaftliche Werke zu lesen.[9]

Auch vom islamischen Raum kommen die Grundlagenwissenschaften wie Algebra, Chemie (Al chemie) und die experimentell fundierten angewandten Wissenschaften wie Astronomie und Medizin: Ibn al-Heitham „Vater der modernen Optik" aus dem 10. Jahrhundert,[10] Rhases (Rasi), der in Europa bekannte Arzt und noch bedeutender Avicenna (Abu Ali Sina), der Gelehrte, Arzt und Philosoph aus dem Mittelalter, Averos (Ebn Roschd), ein ebenso in Europa bekannter Philosoph - diese sind die häufiger in der Orient- und Islamforschung genannten Namen, die als Gründer der experimentellen Wissenschaften in die Geschichte eingegangen sind und deren Werke in Europa bis ins 14. Jahrhundert zum Standardrepertoire gehörten.[11]

Während islamische Intellektuelle jener Zeit (10. – 12. Jahrhundert) die Bedeutung der Philosophie für die geistige Auseinandersetzung mit Glaubensfragen wie Ewigkeit und die Erschaffenheit des Korans erkannten und begannen, diese Themen mit Hilfe der „griechisch spekulativen Philosophie", der Vernunft und Logik kritisch zu durchdringen, drehten sich in Europa die theologischen Diskussionen innerhalb der Kirche im Kreise. Albertus Magnus war es vorbehalten, sich erst im 13. Jahrhundert „für die teilweise verbotenen aristotelischen, arabischen und jüdischen Schriften einzusetzen, sein Schüler Thomas von Aquin ging dann für die christliche Religion den Weg, den die islamischen Logiker für ihre Religion", nämlich die philosophische Bemächtigung des Glaubens, schon längst eingeschlagen hatten.[12]

Es gibt auch darüber keinen Zweifel, dass den islamischen Gelehrten große Verdienste zukommen, sich mit der Philosophie der griechischen Antike nicht nur vertraut gemacht zu haben, sondern sämtliches Wissen aus der antiken Zeit übersetzt, systematisiert und kommentiert den christlich europäischen Intellektuellen hinterlassen zu haben, das über die andalusischen Städte Cordoba und Toledo nach Westeuropa gelangte. Die westeuropäische Aufklärung wäre ohne die islamischen Wegbereiter und Vermittler nicht möglich gewesen. Die Ansätze für die Aufklärung waren jedenfalls bereits fast 8 Jahrhunderte früher in der islamischen Welt als im christlichen Europa vorhanden. Doch haben sich diese Ansätze dort nicht fortentwickeln und auch nicht einen nachhaltigen Prozess der geistigen Auseinandersetzung und wissenschaftlichen Differenzierung etablieren können, obwohl der Islam selbst den Weg dazu durch Verbote und Restriktionen nicht behindert hat. Dagegen fand die umfassende Aufklärung im christlichen Europa statt, obwohl die Kirche sich Jahrhunderte lang einer Öffnung zu modernen philosophischen Denkschulen hartnäckig verschlossen hatte.

Die Paradoxie

Obschon diese Paradoxie der weit verbreiteten Auffassung, dass der Islam zur Fortentwicklung und Anpassung nicht fähig, das Christentum jedoch dazu besser beschaffen sei, grundlegend widerspricht, müsste das paradoxe Phänomen selbst näher erläutert werden. Dazu knüpfe ich an die oben entwickelte These über den sozialen Träger der Aufklärung und der Demokratisierung an, dass es nämlich in der islamischen Welt eines autonomen Bürgertums ermangelte, das die Weiterentwicklung der entstandenen Ansätze der geistigen und wissenschaftlichen Differenzierung bis zur Vollendung der Aufklärung nachhaltig und auf tragfähiger Basis getragen hätte. Anstatt die tiefen Poren der Gesellschaften zu durchdringen, konzentrierte sich die Wissensentwicklung in der islamischen Welt auf die wenigen urbanen Zentren wie Bagdad, Damaskus und die eine oder andere Metropole, die mit ihren großen Bibliotheken um das 10. Jahrhundert ihresgleichen suchten. Das hier über Jahrhunderte aufgestaute Wissenspotential, sofern es den zahlreichen Eroberungen der zentralasiatischen Völker (Türken und Mongolen) nicht zum Opfer fiel, suchte und fand auch seine Verwendung aber genau dort, nämlich im Abendland, wo das aufsteigende Bürgertum seine Fühler längst ausgestreckt hatte und alles Wissenswerte aus dem Morgenland wie ein Schwamm aufsaugte.

Insofern kommt der Religion, dem Christentum im Abendland und dem Islam im Morgenland im Hinblick auf Modernisierung und Demokratisierung bestenfalls eine sekundäre Bedeutung zu. Wäre statt des Christentums der Islam die dominante Religion in Europa gewesen, stünde dieser aller Wahrscheinlichkeit nach heute genau dort, wo das Christentum steht, er wäre eine religiöse Macht mit beschränktem Einfluss und jenseits der staatlichen Macht. Hätte sich dagegen das Christentum statt nach Westen von seinem Entstehungsort ostwärts in Richtung Orient ausgebreitet, wäre es vermutlich im Mittleren Osten anstelle des Islams die dominante politische Kraft gewesen und würde heute als kulturelles Hindernis der Modernisierung der orientalischen Welt gebrandmarkt werden. Man könnte dem gegenüber allerdings auch eine andere, durchaus plausible Auffassung vertreten, dass die Ausbreitung des Christentums und des Islams in entgegen gesetzter West-Ost-Achse nicht zufällig war und dass das Christentum auf Grund seiner inneren Axiome (der Nächstenliebe, stärkerer Individualität) sich den dezentralen Strukturen in Europa besser anpassen konnte, dagegen der Islam wegen seiner eher kollektivistischen Ausrichtung (das Kollektiv - die Umma -, nicht das Individuum als Basis der Gemeinschaft) für die zentralistischen Gesellschaften des Orients geradezu prädestiniert war. Selbst eine solche Sichtweise sagt zwar viel über die Besonderheiten dieser Religionen aus, aber wenig über die längst vorgefundenen Sozialstrukturen, in die sich das Christentum und der Islam jeweils hineingefügt haben und dass diese beiden Religionen, ja die Religion als solche, sich nicht primär, sondern bestenfalls sekundär auf die Sozial- und Gesellschaftsstruktur von Ländern und Regionen auswirken.

Die weit verbreitete Annahme der primären Kausalität zwischen Christentum, Transformation und Demokratie einerseits und Islam, Stagnation und Diktatur andererseits kann jedenfalls nicht aufrechterhalten werden. Diese Annahme ließe sich insofern auf eine willkürliche und zweckdienliche Konstruktion im aktuellen Clash of Civilizations entlarven, die letztlich die Legitimation für den Demokratieexport oder den Vorwand für einen Regime Change in den islamischen Ländern mit geopolitischer Relevanz, wie beispielsweise Irak, Afghanistan oder Iran, liefern könnte.

Mit anderen Worten: Religionen, auch der Islam, sind aus soziokultureller Sicht und jenseits ihrer fundamentalistischen Deutung selbst keine für alle Ewigkeiten geschaffenen Ressourcen. Ihre Deutung und Ausübung verändern sich mit dem historischen Wandel. Das Christentum hat seinen Wandel dank Europas Bürgertum längst hinter sich und ist in dieser Hinsicht dem Islam weit voraus. Die Anpassung des Islams an die Moderne unter dem Druck ökonomischer und kultureller Globalisierung hat gerade erst begonnen. Wie einst das Christentum, bleibt auch dem Islam keine andere Wahl, als sich den Anforderungen der Moderne zu fügen und sich aus den Staatsgeschäften zurück zu ziehen. Dazu bedarf es nicht eines Demokratieexports, erst recht nicht eines Krieges.



[1] Huntington, Samuel P., 1997: Der Kampf der Kulturen. Die Neugestaltung der Weltpolitik im 21. Jahrhundert, München/Wien.

[2] Erinnert sei beispielsweise an die ARD-Talkshow Hart aber Fair am 2. Dezember 2009, die anlässlich des Schweizer Volksentscheids zum Verbot von Minaretten stattfand. Dabei wurde der CDU-Politiker Wolfgang Bosbach nicht müde, der moslemischen Bevölkerung eine fehlende Integrationswilligkeit und Fähigkeit zu unterstellen, diese ständig zu wiederholen und mit einzelnen Fakten, wie beispielsweise der Nichtteilnahme moslemischer Schülerinnen am Sportunterricht, zu untermauern. Nicht nur dies, sondern auch andere Beispiele, wie Genitalverstümmelung, Ehrenmorde etc. werden dabei wie selbstverständlich vom Islam abgeleitet, historische und traditionsbedingte Ursachen jedoch außen vor gelassen.

[3] Weber, Max, 1972: Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus, in: Webers gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie, Bd. I, Tübingen.

[4] So beispielsweise bei Chirot, Daniel, 1985: The Rise of the West, in: American Sociological Review, Vol. 50, No. 2.

[5] Rodinson, Maxime, 1966: Islam und Kapitalismus, Frankfurt/M.

[6] Ein Beispiel für diese Beliebigkeit liefert der Orientexperte Dieter Weiss in einem im Wochenmagazin Die Zeit veröffentlichten Beitrag „Weshalb sind die Muslime zurückgeblieben?" (Die Zeit vom 13. Mai 1994). Die Antwort bei Weiss ist eindeutig: die Geschlossenheit und fehlende Flexibilität des Islam ist des Rätsels Lösung. Um die These zu belegen, vergleicht Weiss ökonomisch zurückgebliebene arabische Staaten mit ostasiatischen Schwellenländern „Südkorea, Taiwan, Singapur, die zu Industriestaaten aufgestiegen sind, und anderen asiatischen Staaten wie Malaysia, Thailand und die Philippinen, Indonesien und die Volksrepublik China, die danach drängen". Trägt die Religion der arabischen Staaten nach Weiss Mitschuld an ihrer Misere, so verdanken die ostasiatischen Aufsteiger ihren Aufbruch zum Industriezeitalter ihren buddhistischen, taoistischen und konfuzianischen Religionen, denen Weiss Tugenden wie die Neigung zum Sparen und Investieren, intelligente Organisation, Disziplin und Teamgeist, Lernfähigkeit und Innovationskraft zuschreibt, die Weber ausschließlich der protestantischen Ethik vorbehielt. Ungeachtet der Beliebigkeit in der Beurteilung der Rolle der Religion im Entwicklungsprozess widerlegt sich Weiss selbst, indem er in seiner Liste erfolgreicher Modelle auch das islamische Malaysia und das bevölkerungsreichste Land der islamischen Welt, Indonesien, hervorhebt.

[7] Weber, Max, 1972: Wirtschaft und Gesellschaft, Tübingen, S. 354 f.

[8] Näheres über die historischen, räumlichen und klimatischen Ausgangsbedingungen der Herausbildung unterschiedlicher Staatswesen vgl. Marx, Karl, 1953: Grundrisse der politischen Ökonomie, insbesondere der Abschnitt "Formen, die der kapitalistischen Produktion vorhergehen", Berlin. Ferner Wittfogel, Karl August, 1962: Die orientalische Despotie, Köln. Massarrat, Mohssen, 1996: Aufstieg des Okzidents und Fall des Orients, in: Massarrat, Mohssen (Hrsg.): Mittlerer und Naher Osten. Geschichte und Gegenwart. Eine problemorientierte Einführung, Münster, S. 11-56. Derselbe, 1999: Islamischer Orient und christlicher Okzident. Gegenseitige Feindbilder und Perspektiven einer Kultur des Friedens, in: Osnabrücker Jahrbuch Frieden und Wissenschaft VI/1999; S. 197-212.

[9] Hunke, Sigrid, 1960: Allahs Sonne über dem Abendland, Stuttgart, S. 204.

[10] Stewart, Desmond, 1972: Islam. Die mohamedanische Staatenwelt, Reinbeck bei Hamburg, S. 172.

[11] Ebenda und Durant, Will, 1985: Kulturgeschichte der Menschheit, Bd. 5, Weltreiche des Glaubens, Köln, S. 238.

[12] Ausführlicher dazu Lammers, Britta, 1996: Einfluss der orientalisch-islamischen Zivilisation auf das europäische Mittelalter, in: Massarrat, Mohssen, 1996: Mittlerer und Naher Osten, Münster.



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AUTOR: Mohssen MASSARRAT محسن مسرت

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