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"Die Geldsäcke hätten eine halbe Stunde zuhören müssen" | kurier.at

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Du kannst mit ihm nicht in Deine Brasserie gehen', hat meine Frau gesagt, ,da hängen nur lauter Linke herum. Geh' ins ,Le Lyrique'". Also sitzen wir bei strahlender Genfer Frühlingssonne im Garten des Restaurants beim Grand Theatre, und Jean Ziegler, weltberüchtigter Globalisierungskritiker, Kämpfer gegen Hunger und Rebell, mustert seine Umgebung genau. "Hier essen die Banker und Konzernherren, ich schau' immer, dass ich Distanz habe", sagt er. Weil die sind seine Freunde nicht - und umgekehrt. Zu oft hat er sie "Raubgesindel des globalen Finanzkapitals" genannt, das mit "Banken-Banditismus" den Armen der Welt noch das Letzte nimmt.

Doch dann steht ein Vertreter der Kapital-Zunft von einem der Tische auf und begrüßt Ziegler, der nach Eigendefinition sogar für die meisten Sozialdemokraten zu radikal ist, herzlich. Sie tauschen Visit-Karten, vereinbaren ein Telefonat. "Das hätte der früher nie gemacht", sagt der 76-Jährige mit einer unüberhörbaren Zufriedenheit, "den Bewusstseinswandel gibt's jetzt auch bei denen."

Einen Bewusstseinswandel hätte der zur Zeit für den UNO-Menschenrechtsbeirat tätige Genfer Universitätsprofessor und Ex-Politiker auch in Salzburg im Auge gehabt. Als Redner der Festspieleröffnung im Juli, von Landeshauptfrau Gabi Burgstaller höchstselbst eingeladen - und wieder ausgeladen, wegen angeblicher Nähe zu Muammar Gaddafi.

"Das ist kein Naturgesetz, sondern Mord"

KURIER: Herr Ziegler, was wollten Sie in Salzburg eigentlich erzählen?
Jean Ziegler: Mich hätte das Publikum fasziniert. Das sind ja die Geldsäcke, die dort sitzen. Die hätten eine halbe Stunde lang zuhören müssen, bei geschlossenen Türen, die hätten nicht weglaufen können.

Hätten Sie ihnen so garstige Sachen gesagt, dass sie laufen wollen?
Ich hätte versucht, die kanibalische Weltordnung darzustellen: Alle drei Sekunden verhungert ein Kind unter zehn Jahren, eine Milliarde Menschen ist schwerst unterernährt auf einem Planeten, der vor Reichtum überquillt. Und dessen Weltlandwirtschaft laut Statistik problemlos 12 Milliarden Menschen ernähren könnte.

Dabei heißt's doch immer, der Welt gehen die Ressourcen aus.
Das ist schon lang nicht mehr so. Den objektiven Mangel, von dem Marx glaubte, dass er uns Jahrhunderte begleiten wird ...

Der Club of Rome glaubte das noch in den 1970er-Jahren.
Ja, aber den gibt es nicht, der ist überwunden. Und ein Kind, das an Hunger stirbt, wird ermordet. Das ist kein Naturgesetz, wie die Neoliberalen glauben, sondern Mord. Und das hätte ich sagen wollen.

Um den Festspielgästen den Appetit zu verderben?
Nein, weil die Kunst dank Infrakonzeptionalität eine Waffe ist.

Wie bitte?
90 Prozent von dem, was wir tun, kommt ja nicht aus dem Denken, sondern ist affektiv, traumatisch, ist von Angst, Zuneigung, Leidenschaft bestimmt. Die Emotion einer Mahler-Symphonie kann dem wohlbestallten Boss, der da sitzt mit Krawatte und seinem Mercedes vor der Tür, seine ganze Sicherheit nehmen, ihn aus seiner sozialen Rolle herausreißen. Es sind ja nur ganz wenige, die wirklich Macht haben: Die 500 größten multinationalen Konzernen haben vergangenes Jahr 52,8 Prozent des Weltbruttosozialproduktes kontrolliert. Und einige Konzernherrscher sitzen in Salzburg und hätten vielleicht erwachen können.

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Eingetragen von fanni vor 1 Jahr 7 Wochen
Kategorie: Welt   Tags:

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