Zirkus Knie: Die dramatische Zunahme von Verletzungen im Spitzensport • profil
Die Zahl der Verletzungen im Spitzensport ist dramatisch gestiegen. Immer mehr Athleten suchen private Hilfe von Spezialisten. Als Vorbild dient eine US-Klinik.
Von Robert Buchacher
Die Saison dauerte ganze 30 Sekunden. Beim Weltcup-Saisonauftakt am 24. Oktober in Sölden stürzte Nicole Hosp im Riesentorlauf gar nicht spektakulär. „Aber ich hab das Knie überstreckt und verdreht. Ich hab einen Stich gespürt und sofort gewusst, dass es schlimm ist“, sagt die Tiroler Weltcup-Skirennläuferin. Kurz vor elf Uhr passierte es, um 14 Uhr lag Hosp mit einem Riss des vorderen Kreuzbands bereits auf dem OP-Tisch der privaten Sportsclinic Austria in Hochrum bei Innsbruck, wo sie von ihrem langjährigen chirurgischen Betreuer Christian Hoser operiert wurde.
Der Unfallchirurg entnahm aus dem hinteren Oberschenkel ein Stück der Semitendunosus-Sehne und setzte sie anstelle des gerissenen Kreuzbands ein. Vier Tage später konnte Hosp die Klinik wieder verlassen. Jetzt beginnt die Rehabilitation, die seit Jahren bei der Behandlung von Sportverletzungen mehr und mehr an Bedeutung gewinnt. Hosp darf das Gelenk drei Wochen lang nicht belasten. Lymphdrainagen sollen die Schwellung verringern, mittels Elektrostimulation wird versucht, während der inaktiven Zeit das Muskelvolumen zu bewahren und Muskelschwund zu verhindern. Eine leichte Bewegungstherapie soll Muskeln und Gelenke in dieser ersten Rehab-Phase in Schuss halten.
Der subjektive Eindruck ist: Solche Sportunfälle geschehen immer öfter und nicht nur im Spitzensport. Im vergangenen Winter berichteten die Medien von einer angeblichen Häufung der Skiunfälle, die Operateure kämen mit der Arbeit kaum mehr nach. „Das Gegenteil ist wahr“, sagt Unfallchirurg Hoser. Das Wiener Institut „Sicher Leben“, ein Zweig des Kuratoriums für Verkehrssicherheit, erhebt alljährlich das Unfallgeschehen auch im Bereich des Sports: Gab es im Jahr 2001 in Österreich insgesamt 205.000 Sportunfälle, so waren es im Vorjahr nur noch 200.200.
Und das gilt insbesondere für den Volkssport Skilauf: „Seit Einführung des Carvingskis sind die Verletzungen im Zeitraum 1997 bis 2008 um 20 Prozent zurückgegangen“, berichtet Thomas Woldrich, Leiter der Abteilung Breitensport im Österreichischen Skiverband (ÖSV). Carvingski sind kürzer, drehfreudiger, leichter zu fahren und weniger ermüdend. Bei einem Sturz ist die Hebelwirkung auf Fuß und Bein geringer als bei früheren Brettern, lautet die Erklärung der Experten. Knieverletzungen kommen bei Frauen häufiger vor als bei Männern, weil der weibliche Oberschenkelknochen in einem anderen Winkel aufs Knie aufsetzt und weil Kniemuskulatur und Bänder bei Frauen schwächer ausgebildet sind.
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