Sozialgeschichtliche Aspekte des nationalsozialistischen Juliputsches 1934 [Free eBook]
Diese Arbeit (Dissertation) stellt die Basis des 2003 erschienenen Buches "Elementar-Ereignis" dar. Was die quantitative Analyse der Sozialstruktur der Juliputsch-Beteiligten sowie die qualitative Analyse (Textanalyse) der Lebensgeschichten von illegalen österreichischen Nationalsozialisten betrifft, ist die Dissertation wesentlich ausführlicher als das Buch. Umgekehrt verhält es sich hinsichtlich der Darstellung der blanken Ereignisse: Hier hat der Autor für das Buch zusätzliche Recherchen angestellt, die in der Dissertation nicht enthalten sind.
"Elementar-Ereignis" war das Losungswort für den Juliputsch in den Bundesländern. Erstmals schreibt der Autor die dramatische Geschichte des NS-Aufstandes 1934 und eröffnet neue Perspektiven auf Sozialstruktur und Motivation der österreichischen Nationalsozialisten. 25. Juli 1934: Eine SS-Einheit stürmt das Bundeskanzleramt in Wien. Engelbert Dollfuß, der Führer des autoritären Ständestaates, wird getötet. Unmittelbar darauf bricht in mehreren österreichischen Bundesländern ein Aufstand der illegalen Nationalsozialisten aus, der sich über mehrere Tage hinzieht und rund 250 Todesopfer fordert. Dieser Aufstand ist von der Zeitgeschichtsforschung bislang wenig beachtet worden. Dabei kam es zu dramatischen Ereignissen: In der Steiermark, in Kärnten, Oberösterreich und Salzburg wurden Hunderte Gendarmerieposten und Ämter besetzt, Straßen- und Bahnlinien kontrolliert, Telefonleitungen unterbrochen, politische Gegner verhaftetet und nicht selten misshandelt; oft kam es zu heftigen Kämpfen mit der Exekutive, mit Heimwehr und Bundesheer. Der Putsch misslang. Unheilvoll kündigte sich aber an, was im März 1938 - und in den Jahren danach - passieren sollte. Die Daten von mehreren Tausend Putschteilnehmern erlauben einen überraschenden Blick auf die andere Seite des Putsches: In welchen Altersgruppen und sozialen Milieus war der Nationalsozialismus in Österreich besonders stark? Wieso waren manche Regionen nazifreundlicher als andere? Bestand tatsächlich ein Zusammenhang mit dem Protestantismus? Was waren die Antriebskräfte und Ziele der Aufständischen? Letzten Endes, so zeigt die Analyse, stießen zum Nationalsozialismus vor allem Menschen, die von Ambivalenz gegenüber einer zugleich erhofften und gefürchteten Modernisierung geprägt waren. Die dadurch hervorgerufenen inneren Spannungen wurden zum Antriebsmotor der destruktiven Dynamik des Nationalsozialismus. So gelang es der NSDAP unter den krisenhaften Bedingungen der 1930er-Jahre, die Schnittstelle zwischen privatem Innen und sozialem Außen zu usurpieren und sich als politische Religion zu etablieren.
Vorarlberg, das vor dem Putschversuch von einer Reihe von nationalsozialistischen Sprengstoffanschlägen erschüttert wurde, bleibt während der "kritischen Julitage vollkommen ruhig", wie die regierungsamtliche Darstellung ausführt. Die Vorarlberger Nazis sind vom Putschversuch in Wien anscheinend völlig überrascht. Einer nationalsozialistischen Quelle zufolge hat die SS in Vorarlberg am 27. Juli "höchste Bereitschaft"; ebenso sollen einige SA-Stürme für ein Einschreiten bereitstehen. Am 28. und 29. Juli kommt es zu mehreren schweren Sprengattentaten.
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