Reportage. Was Arigona Zogaj erwartet, wenn sie in den Kosovo abgeschoben wird • profil
Den Kosovo, aus dem Arigona Zogaj geflüchtet ist, gibt es nicht mehr. Wird sie abgeschoben, erwartet sie ein neuer Staat mit großen Ambitionen, der andere Sorgen hat als die Not seiner Bürger. Für Arigonas Brüder Alfred und Alban ist der Existenzkampf dort längst Alltag.
Von Robert Treichler
Es ist ein kalter, unfreundlicher Abend am Dienstag vergangener Woche in Peja (Serbisch: Pec), einer Stadt ganz im Westen des Kosovo. Am Busbahnhof wartet ein junger Mann. Es gießt in Strömen, aber er trägt keinen Regenschutz. „Ich bin Alfred“, sagt er. Dann fahren wir mit dem Auto einen Hügel am Stadtrand hinauf und halten schließlich vor einem Gartentor aus Metall. Alfreds Bruder Alban macht auf, er trägt trotz des scheußlichen Wetters nur einen Pullover. Alban durchquert den kleinen Garten, in dem ein paar junge Obstbäume stehen. Ein Mann hält zwei bissige Hunde in Schach, bis wir den Eingang zu dem nicht unansehnlichen Einfamilienhaus erreicht haben.
Auf den ersten Blick sieht es so aus, als hätten der 18 Jahre alte Alfred und der zwei Jahre ältere Alban Zogaj hier ein nettes Zuhause gefunden, seit sie Österreich 2007 verlassen mussten, weil ihnen das Aufenthaltsrecht verwehrt wurde. Aber so ist es nicht. Die Brüder von Arigona, dem damals 15 Jahre alten Mädchen, das Berühmtheit erlangte, weil es untertauchte und sich der Abschiebung aus Österreich widersetzte, stehen in Wahrheit vor dem Nichts. Und demnächst könnten Arigona, ihre Mutter und ihre beiden kleinen Geschwister das Schicksal der Brüder teilen.
Drinnen im Wohnzimmer des ungeheizten Hauses zünden Alfred und Alban zwei Kerzen an und beginnen zu erzählen, wie es sie nach Peja verschlagen hat. Nach ihrer Abschiebung im September 2007 waren sie zusammen mit ihrem Vater Devat und ihren beiden kleinen Geschwistern Albin und Albona zunächst nach Kalican, ein Dorf nordwestlich der Hauptstadt Pristina, zurückgekehrt. Dort hatten sie einst gelebt, dort besitzt die Familie ein sanierungsbedürftiges Haus. Inzwischen sind die beiden kleinen Geschwister wieder bei ihrer Mutter und Arigona in Österreich, der Vater ist verschwunden. „Wir wissen nicht, wo er ist“, sagt Alfred, „er ist seit einem Jahr nicht mehr bei uns.“
In dem Haus in Kalican konnten sie nicht bleiben, es regnete ins Zimmer. Auf der Suche nach einer möglichst billigen Bleibe sahen sie sich anderswo um. In Peja, einer der größeren Städte des Kosovo, seien die Mietpreise niedriger, sagte man ihnen. Also kamen sie hierher und fanden ein Zimmer. Das Geld dafür schickte ihnen regelmäßig Josef Friedl, der Pfarrer der oberösterreichischen Gemeinde Ungenach, der sich seit September 2007 um die Familie Zogaj kümmert.
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