Muzicant: "Dieses Gehetze erinnert mich an Goebbels" DiePresse.com
Ariel Muzicant, Chef der Israelitischen Kultusgemeinde Wien, sieht im "Presse"-Interview den Rechtsextremismus in Österreich auf dem Vormarsch. Den Boden dafür bereite die FP-Führung "systematisch" und absichtlich.
Im Tiroler Serfaus werden von einem Hotel jüdische Gäste kategorisch abgelehnt. Im ehemaligen KZ Ebensee haben bei einer Gedenkfeier junge Burschen Nazi-Parolen gebrüllt und Teilnehmer attackiert. Sind Sie beunruhigt oder gelassen?
Ariel Muzicant: Da muss man schon differenzieren. In dem Serfauser Hotel war die Diktion das Problem – das „Vermiete nicht an Juden“. Die Tatsache, dass es offenbar ein Problem zwischen dem Personal und einigen orthodoxen jüdischen Gästen gab, hätte vom Hotel einfach kommuniziert werden müssen. Aber man muss mit dem Schwingen der Antisemitismus-Keule vorsichtig sein. Wenn immer alle gleich Antisemiten sind, wenn man bei jedem Unfug vor dem Faschismus warnt und mahnt, tun wir uns schwer, empört aufzustehen, wenn einmal wirklich etwas passiert. Etwa wenn aus politisch-taktischen Gründen Martin Graf in das Nationalratspräsidium gehievt wird. Einen Le Pen hat man nie in ein politisches Amt gewählt. Wenn ÖVP und Teile der SPÖ Koalitionen mit einer offen rassistischen und antisemitischen Partei wie der FPÖ für möglich halten, weil die FPÖ ja demokratisch gewählt wurde, dann müssten alle empört aufstehen. Dass die roten Landeshauptleute von Salzburg und der Steiermark ein Taktieren mit der FPÖ überhaupt in Betracht zogen, ist skandalös. Das ist eine Verharmlosung, die bei Kreisky begonnen hat, bei Kurt Waldheim explodiert ist, bei Jörg Haider weiterging und von Heinz-Christian Strache jetzt maximiert wird. Und darauf reagieren die zwei großen Parteien mit Wurschtigkeit und politischer Schlampigkeit.
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