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Klinkenputzen

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Klinkenputzen hat eine Saison. Es ist eine eigene Jahreszeit der Schaltjahre, äh Wahljahre. Von den Wahl-Plakaten weiß man aus der Meinungsforschung und Medienwissenschaft, dass sie zu nichts nützen als nur die eigenen Mitarbeiter durch ein noch stärkeres, ja möglichst noch präpotenteres Plakat zu "motivieren". Da sich in diesem Metier ja immer noch vorwiegend Männer präsentieren. erinnern sie ein bisschen an die Trazanfilme, an das tarzanmäßige Auf-die-eigene-Brust-trommeln.

Door-to-Door-Canvassing.
Hinsichtlich des Klinkenputzens fehlen wissenschaftliche Belege, wenn auch nicht der mit wesentlich weniger Abwertung versehene wissenschaftliche Begriff: Door-to-Door-Canvassing. Im positiven Falle unterstellen die Wahlwerber, dass damit Nähe und persönliches Interesse am Souverän zum Ausdruck gebracht werde. Schwer zu glauben allerdings, dass der Souverän auch so weltfremd die politischen Haustürgeschäfte bewertet und sich als "Kunde" ernstgenommen fühlt, wenn er just vor einem Wahlgang Prospekt, Fankarte, Visitenkarte und die obligatorischen Feuerzeuge und Kugelschreiber mit einem Händedruck und "Bitte geben Sie uns ihre Stimme" in die Hand gedrückt kriegt. Der Erfahrungsschatz der Zeugen Jehovas eignet sich ebenfalls nicht für eine Verwertung, da diese ja ausdrückliche Nichtwähler sind.

Canvassing for Obama

Pilotprojekt. Nun haben wir eben die Ergebnisse eines Pilotprojektes der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg vorliegen. Dort war in Waldkirch versucht werden, junge Wähler zu aktivieren, damit sie am 7. Juni 2009 wirklich zu den Kommunal- und Europawahlen gehen, ganz unabhängig von einer politischen Einstellung. Mit einem eigens professionell vorbereitetem Team sollte dies Wählergruppe per "Klinkenputzen" bewegt werden, zur Wahl zu gehen. Man hatte sich gegenüber den Vergleichsgruppen eine zumindest 5 Prozent höhere Wahlbeteiligung erhofft. Obwohl das Ziel nicht allzuhoch gesetzt war: Es wurde nicht erreicht.

Ausgangslage. Die Erstwähler gelten dort gar nicht mal als die "faulsten", sondern die jungen Erwachsenen, die das zweite oder dritte Mal an einer Wahl teilnehmen – oder jedenfalls teilnehmen sollten, denn bei ihnen, so weiß Michael Wehner von der Landeszentrale für politische Bildung (LpB), Außenstelle Freiburg, ist die Wahlbeteiligung am geringsten. Die meisten haben sich vom elterlichen Zuhause abgelöst, stecken in der Berufsausbildung oder im Berufseinstieg und haben meistens noch keine eigene Familie gegründet.

Wahlwerber. Als Wahlwerber im Wortsinne wurden 15 Studierende der Uni Freiburg nach entsprechender Erarbeitung des Themenfeldes und Einweisung ins Projekt in der Kernstadt und in allen Ortsteilen von Waldkirch bei jungen Leuten bis zum Alter von 30 Jahren klingeln geschickt. Sie versuchten die Wähler aufzufordern, ihrer Verantwortung gerecht zu werden und von ihrem Wahlrecht gebrauch zu machen. Denn schließlich würde der neue Gemeinderat auch und besonders die Weichen für ihre Zukunft stellen.

Demografie. Allein durch die demografische Alterung der Gesellschaft hat das Gewicht der Senioren unter den Wahlberechtigten in den vergangenen Jahrzehnten deutlich zugenommen. "Da gleichzeitig die jüngeren Baden-Württemberger eine deutlich geringere Wahlbeteiligung aufwiesen als die älteren, war bei der Europawahl 2004 nur noch jeder zehnte Wähler jünger als 30 Jahre, aber gut ein Drittel älter als 60 Jahre", stellte das Statistische Landesamt Baden-Württemberg fest.

Wissenschaftliche Begleitung. Da der Pilotversuch mit einer wissenschaftlichen Untersuchung begleitet worden war, war es notwendig, die Hälfte der in der Stadt Waldkirch lebenden Jugendlichen und jungen Erwachsenen durch das "Klingeln putzen" anzusprechen. Alle anderen bildeten die Vergleichsgruppe.Wenig Wirkung in Siedlungsbauten. In traditionell sowieso gut wählenden Wahlbezirken wurden die Jungwähler deutlich mehr als anderswo wachgerüttelt. In den Wahlbezirken, wo eher eine städtische Struktur mit Mehrfamilienhäusern vorherrscht, scheiterte das Team zum Teil schon an der Klingelanlage oder wurde von Vätern der Jungwähler mit den Worten "Wir gehen hier nicht wählen" weggeschickt, ohne überhaupt zu den jungen Leuten vordringen zu können.

Widersprüchliche Ergebnisse. Die Wahlbeteiligung bei den angesprochenen Jugendlichen (Experimentalgruppe) lag zwar mit 39,37 % höher als in der Kontrollgruppe (35,51 %), aber eben nicht um 5, sondern nur um 3,86 Prozent. Die drei Wahlbezirke mit der höchsten Jugendwahlbeteiligung lagen alle in der Experimentalgruppe (zwischen 70 und 54 %), die von den Wahlwerbern betreut wurden. Aber: Die extrem niedrigste Jugendwahlbeteiligung wurde auch in einem Experimentalwahlbezirk gemessen (18,21 % !).

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Eingetragen von VORarlbergWÄRTS vor 2 Jahre 41 Wochen
Kategorie: Österreich   Tags:

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