Ein Gedenktag der offiziell nicht stattfindet: 2. August 1944
Die Vorurteile gegen "Zigeuner" haben in den europäischen Gesellschaften eine lange Tradition. Im deutschsprachigen Raum prägten sie seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert zunehmend das Handeln der Polizei- und Abschiebebehörden. Dabei entwickelte sich ein Ausgrenzungsmuster, das im amtlichen Sprachgebrauch bis in die fünfziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts als "Bekämpfung der Zigeunerplage" bezeichnet wurde. Die unmenschliche Polizei- und Verwaltungssprache ist uns ja auch noch aus der Bezeichnung "Schübling" für Schubhäftlinge in leider allzuguter Erinnerung.
Unter nationalsozialistischer Herrschaft eskalierte die Verfolgung der Sinti und Roma zum Völkermord, dem ein großer Teil der Sinti und Roma in Deutschland und im von der Wehrmacht besetzten Europa zum Opfer fiel. Vor der Machtübernahme des Hitler-Regimes lebten etwa 11.000 Sinti und Roma in Österreich. Im Burgenland wurde 1940 das größte "Zigeunerlager" auf "österreichischem" Boden eingerichtet. Von den über 4.000 Sinti und Roma, die hier unter unvorstellbaren Bedingungen interniert waren und zu schwersten Arbeiten herangezogen wurden, musste der überwiegende Teil den Weg in die Vernichtungslager der Nazis antreten.
Im Gau Tirol-Vorarlberg wurden mangels einer größeren Zahl von Sintis und Roma keine Sammellager wie in Salzburg oder im Burgenland errichtet, die Roma mussten in den Baracken warten, bis sie abgeholt wurden. Von den deportierten 82 Roma waren mehr als die Hälfte unter 16 Jahre alt. Die Ermordung von 56 Personen wurde belegt, über 13 Roma fehlt jegliche Information und 13 überlebten das Konzentrationslager Auschwitz.
In allen europäischen Ländern beziehen die Vorurteile ihre gegen sachliche Widerlegung vielfach immune Haltbarkeit unter anderem aus der Eigendynamik, die das pauschale Dämonisieren von Gesellschaftsgruppen auslöst. FPÖ und auch reaktionäre Teile der ÖVP versuchen noch heute an diesen pauschalen Dämonisierungsstrategien unmittelbar anzuknüpfen, wenn sie gegen Ausländer, Migranten, Asylanten, Türken und Muslime zu Felde ziehen.
Dabei zwingen die Stereotype die Angehörigen der Minderheit in eine soziale und wirtschaftliche Lage, in der sie die Ansichten der Bevölkerungsmehrheit scheinbar bestätigen. Indem etwa Lokalbehörden Sinti und Roma in der Annahme ihrer Unintegrierbarkeit aus Städten vertrieben und sie allenfalls auf abgelegenen Stellplätzen ohne Strom- und Wasserversorgung duldeten, entstand für die Umgebung der Augenschein einer Menschengruppe, die sich für ein Zugehen auf ihre Umwelt nicht interessiere. So erzeugten die Verfechter der Ausgrenzung erst die Optik, auf die sie sich zur Rechtfertigung ihrer Vorurteile berufen konnten. Dabei wirkte soziale Wahrnehmung als sich scheinbar selbst erfüllende Prophezeiung.
Österreich und Europa. In den vergangenen Jahren hat sich für die Sinti und Roma in Österreich Einiges zum Positiven gewendet - die Anerkennung als Volksgruppe, die Gleichstellung der Häftlinge des "Zigeunerlagers" von Lackenbach mit anderen KZ-Häftlingen in der Frage der Opferfürsorge, ein Minderheitenschulgesetz für das Burgenland, das auch den Unterricht in Romanes vorsieht, die Gründung von Roma- Vereinen -, doch die Volksgruppe lebt aber vielfach noch immer buchstäblich am Rand unserer Gesellschaft. Dass es auch so gut wie keine offizielle Erinnerung an diese unsere ermordeten MitbürgerInnen in Österreich zum 65. Jahrestag gibt, spricht auch eine eigene Sprache.
In der Europäischen Gemeinschaft - insbesondere in den neuen Mitgliedsländern wird eine zunehmende "Zigeunerhatz" konstatiert gegen die die Europäische Union zwar aktiv ist doch die nicht wirklich Geschichte ist. Aber nicht nur dort: Auch in Italien kann man von Hatz und behördlicher Verfolgung sprechen und im Kosovo, wo die europäischen "Friedenskorps" eigentlich befrieden sollten, überleben noch immer die 1600 Roma und Sintis nur in geschlossenen Lagern. Dabei ist die Geschichte der Roma und Sinti in Europa traurig genug.
Nationaler Gedenktag der Roma und Sinti: 2. Agust 1944. Am 2. August 1944 - vor genau 65 Jahren - wurden die 2900 in Auschwitz-Birkenau verbliebenen Sinti und Roma auf Befehl des Reichssicherheitshauptamtes ermordet. Der erste Versuch der SS, am 16. Mai 1944 das sogenannte "Zigeunerlager" "aufzulösen", d.h. alle Insassen in den Gaskammern zu ermorden, scheiterte am Widerstand der sich mit Spaten und Knüppeln bewaffnenden Männer. Nachdem die SS alle "Arbeitsfähigen" ausselektiert und als Arbeitssklaven nach Buchenwald, Mittelbau-Dora, Flossenbürg und Ravensbrück "überstellt" hatte, wurde das "Zigeunerlager" in der Nacht vom 2. auf den 3. August 1944 "liquidiert": Die noch im Lager verbliebenen 2897 Sinti und Roma - vor allem alte Menschen, Frauen und Kinder - wurden in den Gaskammern ermordet. Während der 17 Monate, in denen das "Zigeunerlager" in Auschwitz-Birkenau bestand, wurden von den fast 23 000 Sinti und Roma, die aus nahezu allen von den Nationalsozialisten besetzten Ländern Europas nach Auschwitz deportiert worden waren, über 18 000 ermordet. Dabei - Irrwitz der Geschichte - galten Roma und Sinti in der NS-Rassenideologie gar als die Reinrassigsten der Arier. Aber was kümmerte das diese Mörderbande.
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