Warum die Kirche "linker als Marx" ist: Caritas-Präsident Küberl im profil-Interview
Caritas-Präsident Franz Küberl über katholische Kapitalismuskritik, gerechte Löhne und die Logik der Gier.
Von Martin Staudinger und Robert Treichler
profil: Die bedeutendsten Ökonomen und alle wichtigen Politiker der Welt zerbrechen sich die Köpfe, welche Lehren aus der Finanz- und Wirtschaftskrise zu ziehen sind. Welchen Beitrag kann da ein 82 Jahre alter Theologe namens Benedikt XVI. leisten?
Küberl: Ich glaube, dass es wichtig ist, dass sich der Chef der katholischen Kirche zu Wort meldet. Ich kenne keine Sozialenzyklika der vergangenen 120 Jahre, die nicht auf der Höhe der Zeit Klarheit geschaffen hat, was zugunsten der Menschen unbedingt getan werden muss.
profil: Will sich der Papst also in die globale Debatte um die Ethik in der Wirtschaft einmischen?
Küberl: Die katholische Kirche ist ja selbst der älteste Global Player der Welt. Das bringt auch eine Verpflichtung mit sich, und dieser Papst hat in der Vergangenheit bereits zwei sehr präzise Forderungen formuliert: Die Logik der Gier soll durch die Logik der Solidarität abgelöst werden. Ich nehme an, dass dies eine Grundmelodie der Enzyklika sein wird. Ein zweites, wuchtiges Wort aus seiner ersten Enzyklika verweist auf Augustinus und lautet: Ein Staat, der nicht für Gerechtigkeit sorgt, ist nichts anderes als eine Räuberbande.
profil: Ist Benedikt XVI. in sozialen Fragen ein Linker?
Küberl: Ich wäre mir tatsächlich nicht so sicher, ob wir so links sein können wie der Papst. Man braucht sich nur die Ansprachen während seiner Afrikareise durchzulesen, die beschäftigen sich zu 99,9 Prozent mit der Frage, wie ein Ausweg aus dieser ungeheuren sozialen Atemnot gefunden werden kann. Das Evangelium selbst ist so links, dass es kein Caritas-Verantwortlicher links überholen kann, wir schnaufen da immer hinterher. Das Anliegen der Kirche und des Papstes kann es ja somit nur sein, deutlich zu machen, dass die Menschen nicht nur vor Gott gleich viel wert sind, sondern auch vor allen Menschen. Da liegt im Evangelium schon ein ungeheurer Anspruch. Das ist linker als Marx.
profil: Die Gesellschaft hat offensichtlich die Orientierung verloren, was unter gerechtem Lohn zu verstehen ist. Astronomische Managergehälter stehen Hungerlöhnen gegenüber. Will die Kirche da eingreifen?
Küberl: Der erste Blick muss ohne Zweifel auf die Leute gerichtet sein, die zu wenig zum Leben haben. Bei uns in Österreich muss es eine Mindestsicherung geben, das verlangt das Solidaritätsprinzip. Zu den Spitzeneinkommen kann ich nur sagen: Nach katholischer Auffassung kann niemand etwas ins Jenseits mitnehmen. Aber es ist nicht Auftrag der katholischen Kirche, eine Gehaltspyramide aufzustellen.
profil: Die Exzesse des Finanzsystems der vergangenen Jahre haben offenkundig dazu geführt, dass es sehr vielen Menschen auf der Welt jetzt sehr viel schlechter geht. Ist Spekulation aus katholischer Perspektive prinzipiell etwas Schlechtes?
Küberl: Spekulation ist im Evangelium nicht vorgesehen – keine Frage. Ich denke, dass Spekulation und die dahinterliegende Gier und die Sehnsucht nach mehr dem ethischen Gerüst der katholischen Kirche zuwiderlaufen. Wobei Gier nicht nur Einzelpersonen zugeschrieben werden soll, es gibt auch strukturelle Gier. Denken wir nur an den Waffenhandel.
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