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Thomas Berhards vielleicht lustigster Text: Mein Glückliches Osterreich

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Auflehnung gegen Herrn Peymanns „Tartuffe" — ein erboster Leserbrief

Während mich die morgendliche Lektüre vo nEl Pais zu einem cafe negrogrande auf dem Marktplatz von Pollenc,a mit der Präzision einer Schweizeruhr absolut glücklich gemacht hat, versetzte mich darauf allein schon das erstmalige Aufschlagen Ihrer dieswöchigen ZEIT-Nummer als ganze Person in Entsetzen und Abscheu gegen alles und jedes Zeitungsgedruckte, indem Sie sich nicht entdeppen, Herrn Peymann, dem furchtbarsten aller Burgtheaterdirektoren, für sein verrückt-infernalisches Telex mit der Mitteilung, daß er Tartuffe aufführen wird, Platz zu geben. Herr Peymann leidet, wie Sie wissen, an der unheilbaren Klassikerkrankheit, die sich, wie Sie ebenfalls wissen, in den letzten Monaten in ihm zu einer geradezu bösartig-galoppierenden entwickelt hat, und er wird, wie ich es sehe, bis an sein Lebensende nicht mehr aufhören, alle diese widerwärtigen, primitiven und ordinären englischen und französischen und spanischen Klassiker aufzuführen, die unter den Namen Shakespeare, Moliere, Lope de Vega etcetera bekannt und berüchtigt und leider in ihrer Primitivität und Vulgarität und Debilität nicht umzubringen sind. Meiner Meinung nach haben diese Schauerstückeschreiber die Theater in ganz Europa und tatsächlich in der ganzen Welt in Grund und Boden vergiftet und zwar auf unabsehbare Zeit, die von dieser Klassikerseuche niemals mehr entsorgt werden kann leider! Tschernobyl, diese sowjetisch-orthodoxe Lächerlichkeit, ist ja nichts gegen eines dieser an jedem Tag wenigstens einmal irgendwo auf der Welt in die Luft gehenden Shakespearestücke, ein Shakespearescher Sturm schadet Europa mehr, als zehn Tschernobyl-oder selbst Basler Katastrophen, glauben Sie mir. Allein Shakespeare hat die Theaterwelt auf Jahrhunderte, wenn nicht auf die Ewigkeit verseucht und vernichtet, glauben Sie mir! Herr Peymann kündigt also an, er spielt im März den Tartuffe, eines der dümmsten Theaterstücke übrigens, die jemals geschrieben und auf die Bühne gebracht worden sind, glauben Sie mir. Überhaupt sind ja Theaterstücke, gleich von wem, das Dümmste, das auf die Bühne gebracht werden kann, glauben Sie mir, denn ich we^ß, wie großartig es ist, wenn ein Glas Bier auf die Bühne gebracht wird! glauben Sie mir, niemals aber ein Theaterstück. Herr Peymann will also den Tartuffe im März im Burgtheater herausbringen, wie gesagt wird, und genau das ist der Grund meiner Verzweiflung, wenn nicht meiner Vernichtung, glauben Sie mir, denn Herr Peymann hat mir versprochen, daß in diesem Märznur ein einziges Stück auf dem Burgtheater gespielt wird,nämlich meinGlücklichesÖsterreich!, glauben Sie mir. Hat denn Herr Peymann vergessen, daß mir der österreichische Staat für dieses mein Stück und für diese meine eigene Inszenierung achtunddreißig Millionen Schilling an Subventionen ausbezahlt hat, sozusagen als Wiedergutmachung an mir, an dem der österreichische Staat, wie er weiß, so ziemlich alles verbrochen hat, das zu verbrechen ist! Hat Herr Peymann vergessen, daß er mir den Uraufführungstermin 11.März 1988 allein für mein Stück und für meine Inszenierung versprochen hat? Führt Herr Peymann tatsächlich Tartuffe auf (in der angegebenen Besetzung übrigens ja noch viel lächerlicher als an sich schon!), so bedeutet das ganz sicher und mit dem ' allergrößten;» 'Absolutismus meine Vernichtung!, glauben Sie mir, denn wie Herr Peymann weiß, probe ich hier auf Mallorca seit fünf Monaten an meinem Stück, an meinem Glücklichen Österreich,für das ich, glauben Sie mir, die totale Besetzung gefunden habe. In Anbetracht der Tatsache, daß jetzt Herr Peymann mit Herrn Waldheim Tartuffe spielt, kann ich nicht anders, als daß ich Ihnen Folgendes bisher in Absprache mit Herrn Peymann ! bis zum heutigen Tag völlig geheim gehaltene Geheimnis aufmache: seit fünf Monaten probiere ich hier in Pollenc,a in derfinca catölicameinGlückliches Österreich,Sie werden es nicht glauben, mit Herrn Waldheim und Herrn Kreisky in den Hauptrollen. Herr Kreisky spielt in meinem Stück den großen Du-biosus,Herr Waldheim dasgefinkelte Horsd'CEuvre, und Herrn Heller habe ich für den Schweinehirten in meinem Stück verpflichtet. Herr Heller macht seine Sache kostenlos, Herr Waldheim hat eine Vorauszahlung von sechs Millionen Schilling bekommen, Herr Kreisky nur drei, das entspricht dem Einsatzusus!, glauben Sie mir, beide Herren wollten ihr Honorar absolut steuerfrei, Herr Waldheim auf ein Konto in Liechtenstein, Herr Kreisky auf ein Konto in Andorra. Die Beträge wurden schon im Oktober überwiesen. Herrn Heller habe ich drei Millionen für Blinde in Hamburg bezahlt, glauben Sie mir, er hat dankend angenommen! Er ist mir der Wichtigste von allen Österreichern, glauben Sie mir.

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Eingetragen von Docster vor 2 Jahre 39 Wochen
Kategorie: Kultur   Tags:

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