Profil.at: Die 10 größten Erziehungs-Irrtümer: Zwischen Disziplin und Laisser-faire
Noch nie waren Eltern so verunsichert, Lehrer so frustriert und Kinder so „schwierig“ wie heute. Wird gelungene Erziehung zur Glückssache? profil analysiert die zehn größten Erziehungsirrtümer.
Von Angelika Hager und Sebastian Hofer
Die Gleichung ist eigentlich ganz einfach, sie lautet: Der kleine Simon hat am Nachmittag eine Stunde geschlafen, also kann sich Marina Wandaller ihren Hauptabendfilm in die Haare schmieren. Simon wird wieder bis in die Nacht schreien, er ist ein lebhaftes Kind. Seine Mutter befürchtet, dass Simon nicht nur lebhaft, sondern krank ist: Schon ihre Töchter Dunja und Ronja leiden an ADHS, volksmündlich: Zappelphilipp-Syndrom. Weil Simon erst zehn Monate alt ist, kann noch keine Diagnose gestellt werden, Marina Wandaller kann ihre Sorgen aber nicht ganz verbergen, ihre Sorge vor „Action, Action, Action“, ihre Sorge vor „Mama hier, Mama da, Kasterl einräumen, Kasterl ausräumen, Kasterl wieder einräumen, rund um die Uhr“. Marina Wandaller schläft nicht viel, aber ihre Überzeugung ist größer als ihre Augenringe: „Kinder zu erziehen ist auch sonst nicht so einfach. Bei uns herrschen halt verschärfte Bedingungen.“
Verschärfte Bedingungen, die schön langsam den Normalfall darstellen. Noch nie waren Eltern so verunsichert, Lehrer so frustriert und Kinder so „schwierig“ wie heute. Ein Drittel aller Schüler, so Mathilde Zeman, Leiterin des schulpsychologischen Diensts der Stadt Wien, fällt in irgendeiner Form problematisch auf, fünf bis zehn Prozent brauchen psychologische Beratung. Bis zu vier Prozent aller Kinder leiden an ADHS, ein Viertel der Mädchen entwickelt eine Essstörung. Jeder fünfte Schüler unter 14 braucht Nachhilfe, in der AHS-Unterstufe sind es fast 30 Prozent. Trotzdem werden auch heuer wieder 42.000 – also beinahe vier Prozent der 1,15 Millionen – Schüler in Österreich sitzen bleiben. Gleichzeitig suchen beunruhigte Eltern ihr Heil bei Erziehungsratgebern wie Bernhard Buebs „Lob der Disziplin“ oder Michael Winterhoffs „Warum unsere Kinder Tyrannen werden“, die pädagogische Fragen zunehmend autoritär beantworten und damit (parallel zum Erfolg der reschen TV-Supernannies) die Bestsellerlisten erobert haben.
Der deutsche Kinderpsychologe Wolfgang Bergmann erklärt sich die Probleme mit einer tiefreichenden Verunsicherung: „Die modernen Eltern sind in Erziehungsfragen unsicherer, als es je eine Generation vorher war. Sie wissen unheimlich viel, und sie wissen nichts. “ Elternschaft ist auch deshalb so schwierig, weil sie, als eigener Lebensabschnitt, so neu ist. Noch vor hundert Jahren lebten in einer Familie fünf Kinder. Wer erwachsen war, war selbstverständlich auch Mutter oder Vater. Doch im Lauf der Jahrzehnte sanken die Geburtenzahlen, Familien wurden immer später gegründet. Elternschaft avancierte damit zu etwas Besonderem, zu einem eigenen Lebensabschnitt, der an intuitiver Selbstverständlichkeit verlor. Eltern wurden zu einem potenziellen Störfaktor in der Kindererziehung, den es zu beraten und zu betreuen gilt. Im diffusen Feld zwischen ultraliberalem Laisser-faire und rohrstockgestützter Steinzeitpädagogik haben sich in den letzten Jahrzehnten etliche Missverständnisse verfestigt, die das Problem noch weiter verschärfen. profil hat die prekärsten dieser Irrtümer abgeklopft.
1) Kinder kann man nicht genug lieben
2) Unruhige Kinder sind krank
3) Mädchen tun sich schwer mit Mathematik
4) Kinder wollen gleichberechtigt sein
5) Legasthenie ist heilbar
6) Computerspiele machen Kinder aggressiv und autistisch
7) Lob motiviert
8) Immer mehr Kinder brauchen Psychopharmaka
9) Kinder müssen so früh wie möglich gefördert werden
10) Trennungskinder haben die schlechteren Karten
Kategorie: Kultur Tags:
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