Kronen Zeitung: Abschied von einem Mythos
Kommunikationswissenschafter Fritz Hausjell über das Erbe von Hans Dichand und die Zukunft der größten Zeitung des Landes.
DIE ZEIT: Schaut auch ein Publizistikprofessor täglich in die Krone?
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Fritz Hausjell: Ich hüte mich davor, die Zeitung jeden Tag zu lesen. Einmal in der Woche lese ich alle Ausgaben quer. Das ist eine Art Psychohygiene. Täglich wäre mir die Lektüre zu bedrohlich.
ZEIT: Angenommen, ein durchschnittlich intelligenter Mensch liest seit Jahren täglich ausschließlich die Kronen Zeitung . Welches Bild von Österreich hätte dieser Leser?
Hausjell: Ein Bild, das weit hinter dem zurückliegt, was heute das Geschichtsbild dieses Landes ausmacht. Er hat einiges über die Wehrmachtsgeneration erfahren und ein beschönigendes Bild vom Zweiten Weltkrieg. Über den Holocaust hat er wenig erfahren, gar nichts über die Vertreibung der österreichischen Intelligenz. Er nimmt ein Österreich wahr, das nur in einzelnen Bereichen von Diversität gekennzeichnet ist. Die Zuwanderung ist nur negativ besetzt. Dafür hat er Familienfesttage, ob Ostern oder Weihnachten, als idyllische Inszenierung wahrgenommen. Es wurde ein klinisch reines Bild gezeichnet, das nicht einer heterogenen Gesellschaft entspricht.
ZEIT: Wie sieht das Leben aus in diesem Kronen Zeitungs- Land?
Hausjell: Positive Nachrichten gibt es kaum. Es ist ein Land, das immer wieder von Bedrohungen heimgesucht wird. Darauf wird mit der Forderung nach einer strengen Law-and-Order-Politik reagiert. Polizei und Innenministerin sind positiv besetzt. Wenn die Exekutive problematische Praktiken anwendet, wird ihr Vorgehen grundsätzlich verteidigt. Die Kommentare stellen sich auf die Seite der Polizei, etwa mit der lakonischen Feststellung, dass jemand, der alt genug zum Einbrechen ist, auch alt genug ist, um zu sterben. Diese Angstszenarien sind natürlich auch kalkulierte Bilder, weil gleich mitkommuniziert wird, dass die bedrohte Spezies, also der Leser, in der großen Krone- Familie geschützt wird. Das Kronen Zeitungs- Land ist also eine permanent bedrohte Spießeridylle mit all ihren Widersprüchen: Wenn der Kardinal in der Sonntagsausgabe als Kolumnist schreibt, verschwindet im Hauptteil das barbusige Pin-up, besucht der Papst das Land, verzichtet man im Anzeigenteil auf die Prostituierten-Inserate. Das ist Ausdruck der heuchlerischen Moral eines durchschnittlichen Spießers.
Das gesamte Interview auf http://www.zeit.de/2010/26/A-Interview-Hausjell
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