Jugend und Sex: Österreichs Teenager sind erschreckend schelcht aufgeklärt • profil.at
Kann man mit Cola light verhüten? Beim ersten Mal überhaupt schwanger werden? Studien beweisen: Österreichs Teenager sind erschreckend ahnungslos, weil sich unsere Sexualpädagogik in einem katastrophalen Zustand befindet. Experten über die größten Fehler und Defizite. Was Eltern und die Schulen tun müssen.
Von Tina Goebel, Angelika Hager und Sebastian Hofer
„Das Thema Abtreibung haben wir nie durchgenommen“, erzählt die Wiener Gymnasiastin Anna Svec. „Einige glauben sogar, dass das Kind im achten Monat im Bauch dabei erschlagen wird.“ Zwar mussten die Teenies bei einem Test die Erektionsstadien des Penis aufzeichnen, aber „als wir die Burschen gefragt haben, ob sie wissen, was eine Klitoris ist, konnte keiner eine Antwort geben“.
„In der Dritten mussten wir nur Sachen von Folien abschreiben“, erinnert sich die AHS-Schülerin Nina Langer, 15: „Das war sehr uninteressant. Traurig war das auch mit dem Sexkoffer: Der war nämlich bis auf ein Diaphragma leer.“ „Ich finde es wirklich schlimm, dass das Thema Homosexualität überhaupt nie angesprochen wird“, findet Sassan E., ein 16-jähriger HAK-Schüler. „Auch die Abtreibung wurde bei uns einfach ausgeklammert. Das reale Leben kommt nicht vor, nur die Theorie.“
Momentaufnahmen zum Zustand des österreichischen Aufklärungsunterrichts. Experten sind sich einig: Das Niveau der Sexualpädagogik an Österreichs Schulen ist in einem katastrophalen Zustand. Das Dilemma laut der Wiener Frauengesundheitsbeauftragten Beate Wimmer-Puchinger: „Niemand fühlt sich dafür so recht zuständig. Im Unterrichtsgesetz ist das Thema zu weich gefasst.“
Wimmer-Puchinger war Initiatorin des vergangene Woche präsentierten Animationsfilms „Sex, we can“, der demnächst an Österreichs Schulen und Jugendzentren verteilt wird und einen der wenigen Lichtblicke in Österreichs Sexualpädagogik darstellt. Denn in dem 15-minütigen Streifen, der von einem Expertenteam entwickelt wurde, wird erstmals auch auf die emotionalen Unsicherheiten von Teenagern Rücksicht genommen. Bislang beschränkte sich der Aufklärungsunterricht vor allem auf Theorie und die Erläuterung von anatomischen Details.
Den Lehrern in der Debatte die Schuld zuzuschieben wäre falsch. Denn in der pädagogischen Ausbildung läuft Aufklärung als fakultative Fortbildungsmöglichkeit; in welchem Gegenstand sie stattfinden soll, ist auch nicht festgelegt. Meist landet sie im Biologieunterricht. Erst in den kommenden Wochen wird es begleitend zum Film „Sex, we can“ – und erstmals – ein sexualpädagogisches Handbuch für Lehrer geben. Eine nahezu absurd späte Maßnahme, denn diverse jüngere Studien dokumentieren, dass Österreichs Teenager erschreckend wenig über Verhütung, Abtreibung und die Anatomie des anderen Geschlechts wissen.
„Österreich ist westeuropäisches Schlusslicht, was die Prävention ungewollter Schwangerschaften betrifft“, beklagte der Wiener Gynäkologe Christian Fiala beim Weltverhütungstag im vergangenen September. „Ein Verhütungsmaßnahmenpaket wie in Holland und der Schweiz wäre dringend notwendig. Und ein stark verbesserter Sexualunterricht.“
Zwei Prozent der österreichischen Teenager, so erhob das internationale Marktforschungsinstitut tsn-Healthcare kürzlich, sind der Meinung, dass eine Genitalspülung mit Cola light eine Schwangerschaft verhindern könne. Zwölf Prozent der befragten Jugendlichen haben laut einer Studie des Österreichischen Institus für Sexualforschung aus dem Jahr 2007 beim ersten Mal überhaupt keine Verhütungsvorkehrungen getroffen; 58 Prozent gaben an, ein Kondom benutzt zu haben. Eine Untersuchung an den „First Love“-Ambulanzen ergab, dass fast die Hälfte der dort untersuchten 14-Jährigen bereits das erste Mal hinter sich hatte; über die Existenz der Pille danach wusste aber nur die Hälfte aller Interviewten Bescheid.
Ein deprimierendes Zeugnis für die österreichische Sexualerziehung stellte auch die vor zwei Wochen publizierte „Sexual Wellbeing Survey“ des Kondomherstellers Durex aus, für die 26.000 Menschen in 26 Ländern befragt wurden: Zwei Drittel der österreichischen Befragten, die Aufklärung in der Schule genossen hatten, beklagten Informationsdefizite; mehr als 50 Prozent davon bemängelten die Absenz emotionaler Aspekte im Unterricht; 68 Prozent beklagten, dass Geschlechtskrankheiten dabei zu wenig behandelt wurden; 34 Prozent konstatierten Wissensmängel bezüglich der Empfängnisverhütung. „Ich weiß zwar, was ein Penis-Piercing ist, aber nicht, wie das mit dem Eisprung funktioniert“, definiert die 15-jährige Denise das Dilemma einer Teenagergeneration, die durch das Internet freien Zugang zu allen Tabuzonen hat, aber von Eltern und Lehrern bei der Entdeckung ihrer Sexualität alleingelassen wird.
Wie schützt man Kinder vor dem Pornoland Internet?
Gar nicht. Ab einem Durchschnittsalter von zehn Jahren werden Kinder auf sexuelle Erkundungstouren durch das World Wide Web ziehen und dabei mit pornografischen Inhalten konfrontiert werden. „Das ist ein Sprung ins kalte Wasser, der nicht zu verhindern ist, bei dem sie aber nicht alleingelassen werden dürfen“, so Martin Goldstein alias Dr. Sommer (siehe auch Interview Seite 90). Bevor diese Generation mit Verhütungsmethoden konfrontiert wird, weiß sie bereits, was eine Domina ist. Die Wiener Frauengesundheitsbeauftragte Beate Wimmer-Puchinger: „Wichtig ist, zu Hause ein offenes und begleitendes Gesprächsklima zu schaffen. Denn was hier bei Kindern angerichtet werden kann, kann von den Schulen im Nachhinein nicht repariert werden.“ Die erotische Bilderflut, die über Teenies multimedial schwappt, potenziert die körperliche Unsicherheit, die in der Pubertätsphase ohnehin das größte Leidensgebiet ist. Immer mehr junge Mädchen wollen ihre Schamlippen und Brüste operieren lassen, um den gängigen Schönheitsidealen zu entsprechen. Burschen zerbrechen sich den Kopf, ob „sie genauso weit spritzen können wie in den Pornos“, wie die Sexualtherapeutin Elia Bragagna erzählt. Auch sie rät zum kommunikativen Austausch: „Die sexuelle Entwicklung wird von drei Faktoren bestimmt: der Familie, der Peer Group und den selbstständigen Recherchen. Wenn zwischen diesen Faktoren keine Interaktion stattfindet, besteht die Gefahr, dass einer davon übermächtig wird.“ Das Wichtigste in dieser Periode ist, „die jungen Menschen aus der Angst ‚Ich sehe irgendwie scheiße aus‘ zu entlassen“, erklärt der 82-jährige Goldstein, der noch immer Jugendforschung betreibt. Wimmer-Puchinger betont, dass besonders bei den Buben dringender Handlungsbedarf herrsche: „Die Mädchen haben ihre Mutter, Gynäkologinnen und Frauenzeitschriften, um sich zu orientieren. Väter reden viel weniger mit ihren Söhnen. Und die Macho-Bilder aus den MTV-Videos, die anachronistische Männlichkeitsideale beschwören, sind da besonders gefährlich.“
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