128
FOCUS-MONEY: Aber gibt es denn überhaupt Alternativen zum Euro?
Henkel: Natürlich gibt es die – und es ist moralisch äußerst kritikwürdig, die Euro-Politik als alternativlos zu verkaufen. Es wird ja ständig das finanzielle Chaos oder gar der Dritte Weltkrieg an die Wand gemalt, wenn man über Alternativen diskutiert. Und sollte Großbritannien tatsächlich aus der EU ausscheiden, liegt das ausschließlich an den zentralistischen Tendenzen, die sich als Nebenprodukte von Euro-Rettungsbemühungen in der EU durchsetzen.
FOCUS-MONEY: Wie könnten Alternativen zum Euro denn aussehen?
Henkel: Sicher, zurück zur D-Mark oder zum Schilling und den anderen alten Währungen.
FOCUS-MONEY: Und andere Alternativen?
Henkel: Die zweite Alternative wäre, eins oder mehrere Südländer austreten zu lassen. Nehmen wir das Beispiel Griechenland: Ich halte auch das nicht für die beste Lösung, weil nicht auszuschließen wäre, dass ein Austritt Griechenlands nicht nur einen Bankensturm in Athen zur Folge hätte, sondern am nächsten Tag auch in Lissabon, Rom oder Madrid. Einen Vorgeschmack gab es ja schon in Zypern, wo nur Kapitalverkehrskontrollen einen solchen Bankensturm verhindert haben. Möglich wäre es, den Austritt eines oder mehrerer Länder aus einer Währungsunion zu organisieren, aber mit einem bedeutenden Risiko.
Henkel: Mein Vorschlag lautet – und ich bekomme inzwischen mehr und mehr Zustimmung auch von Ökonomen gerade aus den Südländern: Der Euro bleibt, aber Deutschland, Holland, Österreich und Finnland treten aus und machen ihren eigenen Euro, so wie er ursprünglich nach Maastricht-Kriterien vorgesehen war. Etwas Ähnliches gab es bereits vor der Euro-Einführung mit dem EWS, dem Europäischen Währungssystem: Immer wenn Deutschland aufgewertet hatte, zogen auch Österreich oder Holland nach. Es gab also rund 15 Jahre lang den „Nord-Euro“, ohne dass man ihn offiziell so genannt hätte.
FOCUS-MONEY: Besteht nicht die Gefahr, dass ein Nord-Euro auf eine Entwertung der Geldvermögen der Bürger hinausliefe?
Henkel: Im Gegenteil. Das Beispiel der Tschechoslowakei zeigt, was dann passieren würde. Nach der Trennung der Währungen wertete die tschechische Krone sofort auf und die slowakische ab. Kurz darauf konnte die Wirtschaft der Slowakei wieder wachsen, weil die alte Krone dort zu schwer gewesen war. Und in Tschechien fielen die Inflationssorgen weg, weil nun die tschechische Krone mehr wert war. Mit anderen Worten: Der deutsche Sparer hätte mit der Umstellung eine sofortige Aufwertung seines Geldes auf dem Konto.
Henkel: Es ist völlig klar, dass aus der Währungsunion, wie sie einmal sein sollte, inzwischen eine Transferunion geworden ist, die unweigerlich in eine Schuldenunion münden wird. Am Ende dieser Entwicklung wird eine Inflationsunion stehen. Ich bin davon überzeugt, dass die Staaten sich nur noch über die Inflation entschulden können. Das wird noch etwas dauern, weil es nicht möglich sein wird, schnell die Preise zu erhöhen, da die Kapazitäten nicht ausgelastet sind. Aber am Ende wird eine vom Staat induzierte Inflation mit Steuererhöhungen, Lastenausgleich oder sogar Enteignungen à la Trittin stehen.

444 Tage alt Europa